Die Grausamkeit der spirituellen Schuldumkehr


Robert Betz tut es. Auch Joe Dispenza und zahlreiche weitere Vertreter moderner Spiritualität. Sie sprechen von «Schöpferverantwortung», Manifestation, vorgeburtlicher Seelenplanung oder energetischer Resonanz. Auch wenn nicht alle exakt dasselbe meinen, so haben viele dieser Lehren doch einen gemeinsamen Kern: «Was dir widerfährt, ist die Folge deiner Energie; dein Leid ist – bewusst oder unbewusst – selbst gewählt oder selbstverursacht.»


Obwohl Betz und andere Lehrende das Wort «Schuld» oftmals fast schon penibel meiden, steckt hinter dem fadenscheinigen Deckmäntelchen des Begriffs «Schöpferverantwortung» eben doch eine Schuldzuweisung: Wer leidet, trage zumindest eine Mitschöpferschaft an seinem Leid. 


Was bedeutet «Schöpferverantwortung» am konkreten Beispiel?

✴️ Kinder, die durch Umweltverschmutzung schwer erkranken,

✴️ Menschen, die irgendwann im Laufe ihres Lebens physische und / oder psychische Gewalt erfahren,

✴️ Patientinnen und Patienten mit Krebs,

✴️ Menschen mit Depressionen;

ihr Leid wäre im Konzept der «Schöpferverantwortung» das Ergebnis ihrer «negativen Energie» oder ihrer «Seelenentscheidung». Verantwortung wird also verschoben; weg von realen Bedingungen, genetischen Dispositionen, strukturellen Ungerechtigkeiten oder Tätern hin zu Betroffenen. 


Mich dünkt, das ist in den meisten Fällen keine Stärkung von Selbstverantwortung, sondern eine spirituelle Form der Täter-Opfer-Umkehr.


Das Konzept der «Schöpferverantwortung» ist meines Erachtens

1️⃣ grausam und mitgefühllos,

2️⃣ nicht beweisbar; die These, alles sei die Folge innerer Zustände, entzieht sich jeglicher Überprüfung (und eine Behauptung, die sich jeder Überprüfung entzieht, verlangt zumindest epistemische Demut),

3️⃣ oftmals nicht hilfreich für von Leid Betroffene,

4️⃣ eine absurde Verschiebung der Verantwortung von den realen Bedingungen oder Tätern zu den von Leid Betroffenen und

5️⃣ gefährlich, da es retraumatisieren kann.

Gerade traumatisierte Menschen haben Ohnmacht, fehlenden Schutz und Kontrollverlust erlebt. Ihnen implizit oder gar explizit zu vermitteln, sie hätten ihr Schicksal gewählt oder angezogen, kann retraumatisierend wirken und Selbstzweifel sowie Fragen der Art «Was ist falsch an mir?» nähren.


Shaolin-Meister Shi Heng Yi spricht mir aus dem Herzen (Verlinkung unten) mit seiner Erkenntnis, dass vermeintliche Kausalitäten oft nichts weiter als Illusionen sind; dass also das Loslassen unbeweisbarer Wirkungszusammenhänge letztlich ein Durchschauen von Illusionen ist.

Nicht alles Leid lässt sich kausal zurückführen, und nicht jede Tragödie braucht eine spirituelle Erklärung. 


Natürlich haben wir in manchen Bereichen Einfluss, aber Einfluss ist nicht Allmacht, und Selbstverantwortung ist nicht Selbstverschuldung


Vielleicht ist es reifer und heilsamer, die Grenzen unseres Wissens anzuerkennen und Leidenden (anderen und auch uns selbst) nicht Deutungen, sondern Präsenz zu schenken.

Mir erscheinen Demut, Achtsamkeit und Empathie angemessener als metaphysische Plattitüden, spirituelle Schuldumkehr und Totalerklärungen.

  

💎 Shi Heng Yi im Gespräch mit Laura Malina Seiler ➽ Link
💎 Auch Dami Charf, die berühmte Trauma-Therapeutin aus Deutschland, steht spiritueller Schuldumkehr kritisch gegenüber ➽ Link

💎 Auch interessant: mein Blogartikel zum Thema Karma ➽ Link

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