Paradoxa der Physis

Wenn es um unseren Körper geht, sind wir mit Widersprüchen konfrontiert – sowohl auf der gesellschaftlichen Ebene als auch aus der Perspektive der Achtsamkeit.
 
Unsere Gesellschaft schätzt die Bedeutsamkeit des Körpers hoch ein. Zugleich werden die körperlichen Attribute der meisten Individuen abgewertet. Kaum jemand ist zufrieden mit seinem Erscheinungsbild; wie auch: Was als schöner Körper gilt, ist erschütternd klar definiert und verfehlt die Realität der Mehrheit, denn das Schönheitsideal negiert nur zu oft die Individualität und die Veränderung. Jung, schlank und doch trainiert, mit dichter Haarpracht und attraktivem Gesicht sollen wir sein. Und zwar in jeder Situation und für immer.

Ausufernd wird das Gewicht einer Fernsehmoderatorin nach der Geburt ihres zweiten Kindes in den sozialen Medien diskutiert. Oder das ungefärbte graue Haar einer Schauspielerin. Oder die Körpergrösse eines Politikers. Die oft grausamen Kommentare über die Körperlichkeit anderer Menschen greifen jedoch weit mehr als das jeweils genannte Individuum an: Sie verletzen die Lesenden und sogar die Schreibenden derartiger Kommentare selbst in ihrer Würde als mit einem Körper ausgestattete Wesen.

 

Die Rolle des Körpers wird – insbesondere auch im Vergleich zur Ästhetik des Charakters – überbewertet. Die körperlichen Ausprägungen vieler Menschen werden abgewertet. Das ist Wahnsinn. 

 

Auch in der Achtsamkeitspraxis treffen wir auf ein (vermeintliches?) Paradoxon: Der Körper gilt zugleich als wichtig, als auch als unwichtig.
 

Wichtig ist der Körper darum, weil Körperempfindungen einen wertvollen Anker in die Gegenwart darstellen. Was wir jetzt an physischen Empfindungen wahrnehmen können, verbindet uns mit dem Hier und Jetzt. Zudem lässt sich über eine bewusste Atemwahrnehmung und allenfalls auch -steuerung der Geist beruhigen.

Unser Körper ist ein Übungsfeld für Mitgefühl und Freundlichkeit. Für Demut und das respektvolle Anerkennen von Veränderungs- und Alterungsprozessen. Unser Körper ermöglicht sinnlichen Genuss. Dank unseres Körpers können wir uns der Welt und die Welt uns erfahrbar machen. 

Statt den Erfolg von Sport- oder Diätprogrammen anhand des Spiegelbildes zu messen, tun wir gut daran, in den Körper hineinzufühlen und uns liebevoll um ihn zu kümmern. Ein Mensch, der sich um seiner selbst Willen in mitfühlender Anteilnahme um seinen Körper bemüht, bemüht sich damit zugleich in mitfühlender Anteilnahme um sein Innenleben. Unser Körper kann sich in die Zugewandtheit unserer Bewusstheit hineinentspannen – was wiederum körperliche Genesungsprozesse und eine natürliche und schöne Ausstrahlung begünstigt. 
 
Und: Der Körper ist auch unwichtig. 

Unser Körper ist ein sinkendes Schiff. Und zwar ab dem Moment unserer Zeugung. Wir gehen auch innerlich unter, wenn wir unsere Identität an die Physis binden. Genau hier liegt die Bedeutsamkeit der Achtsamkeitspraxis: Wenn wir das Bewusstsein, das wir sind, herausschälen, erkennen wir, dass wir nicht dieser Körper sind, der alt und krank werden wird, der sterben und vermodern wird. Wir erkennen, dass wir nicht das sinkende Schiff sind, sondern die Weite des Meeres und des Himmels.

Wir streben nicht mehr nach einer wahnhaften Schlankheit, nach einem faltenlosen Gesicht oder stählernen Muskeln. Das alles ist unwichtig, denn schon heute ist im Grunde tot, was morgen sterben wird.

 

Achtsamkeit lädt dazu ein, die Bewusstheit zu präferieren und nicht die Ästhetik unseres Körpers. 

Unsere Worte und Taten enden nicht an den Rändern unserer Körper. Ich sass hier und schrieb diese Worte, Sie sitzen jetzt an einem anderen Ort und lesen sie. Im bewussten Schreiben und Lesen, Sprechen und Zuhören, Handeln und Dasein berühren wir einander respekt- und liebevoll. In der Stille, der Freundlichkeit und dem Mitgefühl des bewussten Geisteszustandes berühren wir das Menschsein an sich, gehen über unsere Ränder, über unsere Physis hinaus. Unsere liebevolle Güte schwappt in das Erleben anderer Menschen, und die wiederum geben diese Stärkung nicht selten an die Lebewesen in ihrer Umgebung weiter. Die Güte verästelt sich bis in die zartesten Zweige des unsterblichen Menschheitsbaumes. 
Unsere Freundlichkeit altert nicht. 
Unsere innere Stille ist Zeugnis ungebrochener Schönheit. 
In unserem Mitgefühl finden wir – unsterblich – Eingang in das Leben an sich.

 

Ein Mensch, der Momente der Bewusstheit lebt, ist schön und zeitlos wie das Meer und der Himmel.