Karma – die zeitverzögerte Rache des Universums?
Ich bin fünf Jahre alt.
«Wenn du diese Ameise zertrampelst, kommst du im nächsten Leben selbst als Ameise zur Welt! Das ist Karma», sagt meine damals beste Freundin J.
Jahre später erzählt mir eine Yogalehrerin, eine Bekannte hätte Krebs bekommen – wahrscheinlich, weil sie so pessimistisch und destruktiv denke. Das Ergebnis dieser Denkart sei die Krankheit. Und das sei Karma.
Und auf Instagram sehe ich einen Yogi, der sich dabei fotografiert, wie er einem Obdachlosen Geld gibt. #GutesKarma steht darunter.
Ich bin irritiert.
Der Karma-Begriff im Westen
Bei uns im Westen begegnet man oft der Vorstellung, Karma sei eine Art kosmisches Belohnungs- oder Bestrafungssystem, in dessen Rahmen irgendeine höhere Gewalt akribisch über uns wacht, genau Buch führt über unsere Gedanken, Worte und Taten, sich jeden Fehler merkt und irgendwann – vielleicht Jahre später – wegen all unserer Fehltritte in Form von Krankheit, Unfall oder anderem Leid zurückschlägt.
Aus dieser Perspektive wirkt Karma wie eine unsichtbare, unkontrollierbare und gnadenlose Instanz, die urteilt und vergelten will.
Übrigens: Auch im Christentum finden sich Vorstellungen von Bestrafungen. Der Satz «Gottes Mühlen mahlen langsam, aber trefflich» (oft in Anlehnung an biblische Stellen, zum Beispiel an den 2. Petrusbrief 3,9 oder den Galaterbrief 6,7) entspricht der Karma-Vorstellung des Westens.
(Meines Erachtens sind beides Fehlinterpretationen. Ein kosmisches Bestrafungssystem oder ein rachsüchtiger Gott wären absurd; zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens handeln wir mit jenem Mass an Bewusstheit, über das wir im jeweiligen Moment gerade verfügen.
Meine persönliche Meinung ist: Unsere Unbewusstheit ist keine Wahl, das Entdecken der Bewusstheit ist eine Gnade, und erst das Vertiefen der Bewusstheit ist eine Entscheidung. Somit haben wir unsere Verfehlungen im unbewussten Geisteszustand nicht gewählt; Unbewusstheit ist eine Form des gesamtgesellschaftlichen Wahnsinns. In der Bewusstheit ist Sühne getan.)
Der Karma-Begriff im Buddhismus
Wenn man sich mit den Lehren des Zen-Meisters Thích Nhất Hạnh beschäftigt, wird schnell deutlich, dass die Vorstellung der kosmischen Vergeltung nichts mit dem ursprünglichen Karma-Begriff zu tun hat. Karma ist nichts Strafendes und schon gar keine Form der Rache.
Thích Nhất Hạnh beschreibt Karma schlicht als Handlung – und zwar auf der Ebene unserer Gedanken, unserer Worte und unseres Tuns.
(Das Wort «Karma» stammt aus dem Sanskrit und bedeutet übersetzt tatsächlich «Handlung».)
Was bedeutet das?
In jedem Moment unseres Lebens pflanzen wir «Samen» durch unsere Art zu denken, zu reden und zu handeln.
Beispiel 1: unheilsames Karma
Angenommen, ich bin mit jemandem im Gespräch. Nun kann es sein, dass ganz unvermittelt ein abschätziger Gedanke über diese Person in meinem Geist auftaucht (vielleicht als Reaktion auf etwas, was die Person gesagt hat; aus welchen Gründen auch immer).
Das Entstehen dieses Gedankens ist nicht bewusst gewählt; wie könnte ich also an etwas Schuld sein, das in Millisekunden geschieht und der evolutionären Programmierung meiner «Hardware», meines Gehirns, entspricht?
Aus buddhistischer Sicht führt dieser Gedanke auch nicht dazu, dass mir Jahre später irgendetwas Schlimmes widerfährt.
Aber mein Umgang mit dem Gedanken wird Auswirkungen haben: Wenn ich ihn weiter nähre oder ihn für die unumstössliche Wahrheit halte, wird er unmittelbar wirken. Zum Beispiel in mir selbst, indem er meine eigene Stimmung herunterzieht. Sehr wahrscheinlich auch, indem er dazu führt, dass ich mich meinem Gesprächspartner gegenüber auf eine bestimmte Weise verhalte, bestimmte Worte spreche und bestimmte nonverbale Signale sende. Vielleicht werde ich kühler, distanzierter oder verletzender, vielleicht verstärkt sich ein Muster von Kritik oder Abwertung. Möglicherweise wird die Beziehung zum Gegenüber gefährdet.
Das ist Karma in Aktion, nicht irgendwann in der Zukunft, sondern genau jetzt. Und ja, durch Gewohnheiten und Wahrnehmungen kann dieses Karma natürlich auch spätere Momente beeinflussen.
Beispiel 2: heilsames Karma
Genauso verhält es sich mit heilsamen Handlungen. Ein Moment von Verständnis, Mitgefühl oder bewusster Freundlichkeit pflanzt ebenfalls einen Samen, der weiterwirkt – in unserem eigenen Erleben und in der Art, wie wir anderen begegnen.
Angenommen, ich sehe, wie eine ältere Dame auf dem Eis ausrutscht und stürzt. Ich gehe zu ihr hin, helfe ihr, sich aufzusetzen, frage sie, wie es ihr geht und ob ich ihr beim Aufstehen helfen dürfe und bleibe bei ihr, bis ich mir sicher bin, dass sie sich nicht gravierend verletzt hat.
Mein eigenes Inneres lernt dabei: Ich bin fähig, zu helfen, und das ist schön!
Die Frau wiederum erfährt mein Mitgefühl, meine liebevolle Wertschätzung und meine Fürsorge und spürt: Mir wird geholfen; das tut mir gut!
Und gemeinsam erkennen wir, dass wir wertvoll sind. Das beeinflusst unsere Stimmung, unsere Gedankenwelt, unsere Meinungen, unsere Weltsicht. Heilsames Karma ist geschaffen – für den jetzigen Moment und vielleicht auch für spätere Momente, wenn wir das Erlebte als wohltuend abspeichern und unsere Hilfsbereitschaft zur Gewohnheit werden lassen.
(In manchen buddhistischen Traditionen wird Karma auch über dieses Leben hinaus gedacht – dieser Text fokussiert jedoch auf die direkt erfahrbare Dimension im aktuellen Leben. Immerhin ist Gegenwärtigkeit einer der Grundpfeiler des Buddhismus. Um potenzielle spätere Leben kümmern wir uns potenziell später. 😉)
Karma ist ein fortlaufender Prozess
Karma aus buddhistischer Sicht ist kein fernes Schicksal. Karma ist auch nicht unveränderlich. Karma ist ein fortlaufender Prozess, der sich in jedem Augenblick entfaltet. In jedem Augenblick erhalten wir aufs Neue die Möglichkeit, heilsame oder unheilsame Entscheidungen zu treffen.
Und das Beste ist: Unheilsame Entscheidungen lassen sich sogar nachkorrigieren, zum Beispiel, indem wir uns bei jemandem aufrichtig entschuldigen (direkt, gedanklich oder in einer Meditation, je nach Situation und je nachdem, ob die Person noch lebt), uns selbst verzeihen oder uns bei neuerlichen Begegnungen und Gegebenheiten absichtsvoll für das Gute entscheiden.
Was ist das Gute aus buddhistischer Sicht? Alles, was kein zusätzliches Leid schafft. Idealerweise wird sogar Leid verringert oder verhindert.
Das Entscheidende ist also: Karma ist veränderbar. Wir sind ihm nicht ausgeliefert; unser Sein ist nicht determiniert.
Durch Achtsamkeit – also dadurch, dass wir wahrnehmen, was in uns geschieht, bevor wir automatisch reagieren – entsteht ein Raum, in dem wir neue und heilsame Entscheidungen treffen können. Ein alter, unheilsamer Impuls muss nicht automatisch zur Handlung werden. Genau darin liegt eine grosse Freiheit.
Fazit
Karma-Begriff im Westen:
❌ Karma ist eine Drohung.
❌ Karma summiert sich über das Leben hinweg auf.
❌ Einmal aufgeladenes negatives Karma bringen wir nicht mehr weg (Betonung von Schuld).
❌ Auf unheilsame Gedanken, Worte oder Taten folgen Bestrafungen in Form von Krankheit, Unfall, Verlust und Tod.
Karma-Begriff aus buddhistischer Sicht:
✅ Karma ist eine Einladung zur Bewusstheit.
✅ Karma kann immer wieder von Neuem beeinflusst und gestaltet werden (Betonung von Verantwortung).
✅ Es gibt keine grausame höhere Instanz, die über unsere Fehler Buch führt.
✅ Karma ist unmittelbar erfahrbar (psychologisch, relational, physiologisch, ...). Wenn ich jemanden aufs Übelste beschimpfe, fühle ich mich selbst unwohl, und vielleicht beleidigt mich das Gegenüber zurück. Wenn ich eine liebe Freundin herzlich umarme, fühle ich mich aufgehoben und stärke die Beziehung zwischen uns. Karma kann auch langfristig wirken, beispielsweise in Form von Gewohnheiten, Weltanschauungen und herausgebildeten Charakterzügen.
Im buddhistischen Karma-Begriff liegt auch unsere Würde begründet: Jeder Moment enthält die Möglichkeit, neu zu beginnen.
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